Europäisches Jahr gegen den neuropathischen Schmerz- Viele Betroffenen bleiben unbehandelt

Rund 25 Millionen Menschen in Europa leiden an neuropathischen Schmerzen, doch viele sind nicht oder nur unzureichend behandelt, obwohl es gute Therapiemöglichkeiten gibt. „Manchmal mangelt es an Medikamenten, manchmal auch nur am Bewusstsein“, äußerte der EFIC-Präsident Dr. Chris Wells anlässlich des EFIC-Kongresses „Pain in Europe IX“, bei dem kürzlich mehr als 4.000 Experten aus aller Welt in Wien zusammengekommen sind.

Die EFIC hat 2015 zum Europäischen Jahr gegen den neuropathischen Schmerz erklärt und räumte bei ihrem Kongress in Wien der unterschätzten Schmerzform breiten Raum ein. Wer unter neuropathischen Schmerzen leidet, hat oft einen langen Leidensweg vor sich. Es dauert meist Jahre, bis diese Schmerzzustände richtig diagnostiziert und adäquat therapiert werden. Nicht selten jedoch bleiben die Betroffenen völlig un- oder unterbehandelt und ihr quälender Zustand wird chronisch. „Wir müssen besser über neuropathische Schmerzen aufklären, damit die Patienten rascher in den Genuss einer angemessenen Therapie kommen. Aus diesem Grund hat die Europäische Schmerzföderation EFIC – im Gleichklang mit der International Association for the Study of Pain IASP – 2015 zum Jahr gegen den neuropathischen Schmerz erklärt“, so EFIC-Präsident Dr. Chris Wells beim 9. EFIC-Kongress in Wien. Die 36 Mitgliedsstaaten der EFIC unterstützen die Kampagne durch ein breites Spektrum an Initiativen, Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit und Fachtagungen. Auch der aktuelle Kongress „Pain in Europe IX“ hat dieser Schmerzform einen besonderen Schwerpunkt gewidmet, mit einer Reihe von Plenarsitzungen, Seminaren und Workshops.

„Es mangelt an Bewusstsein“

Wie Dr. Wells betonte, verursacht die unzureichende Behandlung von neuropathischen Schmerzen großes persönliches Leid und eine vermeidbare gesamtgesellschaftliche Belastung. Denn sie führen oft zu Behinderung, vorzeitigem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben und hohen Folgekosten durch Begleiterkrankungen. „Das wäre nicht nötig, denn inzwischen gibt es effektive therapeutische Optionen und passende Behandlungsleitlinien in Europa. Leider stehen viele wirksame Arzneien in manchen europäischen Staaten nicht zur Verfügung, meist aus Kostengründen. Oft mangelt es aber einfach am Bewusstsein“, so Dr. Wells.

Vielfältige Ursachen für neuropathische Schmerzen

Neuropathischer Schmerz ist eine besonders quälende und oft schwer zu beschreibende Schmerzform. Er kann einschießend oder brennend sein oder sich in Taubheitsgefühlen und Empfindungsstörungen äußern. Auslöser für neuropathische Schmerzen sind Verletzungen oder Erkrankungen, die das somatosensorische System beeinträchtigen, zu dem sowohl das periphere als auch das zentrale Nervensystem gehören, also Nerven und Gehirn. Periphere neuropathische Schmerzen können zum Beispiel durch Ischias, Gürtelrose, Diabetes, HIV oder chirurgische Eingriffe verursacht werden. Zentrale neuropathische Schmerzen treten oft als Folge von Schlaganfällen, Multipler Sklerose oder einer Rückenmarksverletzung auf. Viele Schmerzen können eine neuropathische Komponente haben, so etwa Rückenschmerzen, Osteoarthritis oder Krebsschmerzen.

25 Millionen Europäer betroffen – Tendenz steigend

Auch wenn bei Diagnosen oft gar nicht an mögliche neuropathische Schmerzen gedacht wird, sind sehr viele Menschen von ihnen betroffen: Rund 25 Millionen Europäerinnen und Europäer, also zwischen vier und sechs Prozent der Bevölkerung, leiden darunter. „Die Zahl der Betroffenen dürfte in einem älter werdenden Europa noch deutlich steigen, denn neuropathische Schmerzen treten im fortgeschrittenen Alter häufiger auf als in jungen Jahren“, berichtete Dr. Wells. Auch die Zunahme von Adipositas-bedingtem Diabetes, der neuropathische Schmerzen auslösen kann, dürfte für steigende Fallzahlen sorgen, betonte der EFIC-Präsident: „Hier sind vorausschauende Public Health-Initiativen gefragt: Eine Reduktion des Zuckerkonsums, Impfungen gegen Herpes Zoster (Gürtelrose) oder eine verbesserte Schlaganfallprävention und -behandlung könnten dazu beitragen, die Zahl der Neuerkrankungen geringer zu halten.“

Was gegen neuropathische Schmerzen hilft

Mit herkömmlichen Schmerzmitteln ist neuropathischem Schmerz meist nicht beizukommen. Die vorliegenden evidenzbasierte Behandlungsleitlinien empfehlen eine Behandlung mit Antiepileptika (zum Beispiel Gabapentin oder Pregabalin), Antidepressiva (zum Beispiel Amitriptylin oder Duloxetin) und/oder mit topischen Zubereitungen, die lokal auf der Haut angewendet werden. Außerdem werden auch nicht-medikamentöse Behandlungsoptionen wie die Neuromodulation empfohlen. „Die Leitlinien werden laufend ergänzt und weiterentwickelt, dazu hat auch die intensive Auseinandersetzung mit neuropathischen Schmerzen beim EFIC-Kongress beigetragen“, so Dr. Wells. Zu den neueren Behandungsoptionen gehören unter anderem die Therapie mit Botulinum-Toxin, topischen Anwendungen mit Lidocain oder Capsaicin; untersucht wird auch der mögliche Nutzen von Cannabinoiden.

Quelle: B&K/EFIC Pressestelle

(map / B&K)
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